Berufsbildung unter Druck: Jetzt braucht es konkrete Verbesserungen

Bildungsbericht 2026

(Bern)(PPS) Der heute veröffentlichte Bildungsbericht Schweiz 2026 zeigt eindeutig, dass die berufliche Grundbildung ein zentrales und erfolgreiches Fundament der Schweizer Wirtschaft bleibt. Gleichzeitig treten ihre strukturellen Schwächen immer deutlicher zutage. Der Mythos der «perfekten Berufsbildung» hält der Realität nicht stand. Der Schweizerische Gewerkschaftsbund SGB fordert, dass die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Lernende verbessert werden. Dazu gehören mehr Ferien sowie ein besserer Gesundheitsschutz. Der Berufsabschluss für Erwachsene muss deutlich gefördert werden.

Der Bildungsbericht 2026 zeigt, dass wirtschaftliche Krisen zu einem direkten Rückgang des Lehrstellenangebots führen. Betriebe reduzieren oder stoppen ihre Ausbildungstätigkeit. Gleichzeitig dürfte sich der Lehrstellenmarkt in den kommenden Jahren aufgrund steigender Schulabgängerzahlen weiter anspannen. Es droht eine neue Lehrstellenknappheit, insbesondere weil Betriebe nicht automatisch wieder ausbilden. Bis 2033 wird ein Wachstum der Lernendenzahlen um 16% erwartet (insbesondere in den Berufsfeldern Informatik und Kommunikationstechnologie sowie Gesundheit und Soziales), während gleichzeitig viele Fachkräfte in Pension gehen. Das System steht damit unter doppeltem Druck. Mehr Ausbildungsbedarf trifft auf eine unsichere Ausbildungsbereitschaft der Betriebe.

Strukturelle Defizite bei Qualität und Attraktivität

Ein Viertel der Lernenden löst den Lehrvertrag vorzeitig auf. Nur 80% steigen wieder ein, 20% fallen nach einer Lehrvertragsauflösung ganz aus dem System. Das ist ein massives Qualitätsproblem und kein Randphänomen. Der Bericht benennt klar, dass tiefe Erfolgsquoten mit ungenügender betrieblicher Ausbildungsqualität zusammenhängen. Damit wird die Verantwortung der Lehrbetriebe deutlich, die seitens Lehraufsicht der Kantone bisher zu wenig eingefordert wird.

Zu tiefe Löhne nach der Lehre

Ein Lehrabschluss reduziert zwar das Arbeitslosigkeitsrisiko deutlich, führt aber gemäss Bildungsbericht nur zu einem Einkommensplus von durchschnittlich rund 10% gegenüber Ungelernten. Diesen traurigen Fakt belegte bereits die SGB-Lohnstudie: Jede:r dritte Beschäftigte mit Lehre arbeitet für einen Lohn unter 5'000 Franken. Das ist aus gewerkschaftlicher Sicht klar ungenügend.

Profitables System für die Betriebe

Die Wirtschaft verdient immer mehr an der Ausbildung von Lernenden. Berufslernende erwirtschafteten einen Nettonutzen von jährlich etwa 800 Mio. Franken. Pro Lehrjahr und Lehrverhältnis erarbeiteten sie durchschnittlich 4’500 Franken (Nettonutzen): rund 9'600 Franken für eine zweijährige EBA-Lehre, knapp 14’000 Franken für eine dreijährige EFZ-Lehre und sogar 17’500 Franken Nettonutzen für eine vierjährige EFZ-Lehre. Diese Befunde zeigen klar: mehr Ferien für eine bessere Erholung der Lernenden wären für die Betriebe finanzierbar.

Soziale Ungleichheit und begrenzte Perspektiven

Die sozioökonomische Herkunft bestimmt weiterhin stark den Bildungsweg und die Berufswahl. Chancengleichheit ist nicht gewährleistet. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben aber grössere Schwierigkeiten, eine Lehrstelle zu finden und müssen deutlich mehr Bewerbungen einreichen als Schweizer Jugendliche. Auch die Durchlässigkeit bleibt begrenzt, denn eine tertiäre Ausbildung machen nur Wenige. Lediglich rund 20% treten innerhalb von acht Jahren nach dem Abschluss in eine höhere Berufsbildung ein, sogar nur 15% beginnen innerhalb dieser Zeit ein Fachhochschulstudium. Damit tritt nur ein kleiner Teil der Absolvent:innen mit Lehrabschluss in die Tertiärstufe über. Ohne Berufsmaturität sind die Chancen massiv eingeschränkt. Die Zahl der lehrbegleitenden BM1-Abschlüsse ist zwischen 2014 und 2023 sogar um 13% gesunken.

Fehlende Nachqualifizierung von Erwachsenen

Rund 530’000 Erwachsene verfügen gemäss Bildungsbericht über keinen Abschluss auf Sekundarstufe II, obwohl 70% von ihnen erwerbstätig sind. Rund 14% der 25- bis 64-Jährigen in der Schweiz verfügen über keine nachobligatorische Ausbildung. Das Potenzial für Berufsabschlüsse für Erwachsene ist enorm, aber die Betriebe, Branchenverbände und Kantone unterstützen hier klar zu wenig. Allen Sirenengesängen des Fachkräftemangels zum Trotz fehlt es nach wie vor am politischen Willen.

Geben wir der Berufslehre ihren Wert, den sie verdient! Die Ergebnisse des Bildungsberichtes 2026 müssen Konsequenzen haben. Der SGB fordert konkrete Verbesserungen:

• Die Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen für Lernende müssen verbessert werden. Dazu gehören mehr Ferien sowie ein besserer Gesundheitsschutz. Der Berufsabschluss für Erwachsene muss deutlich gefördert werden.

• Die Qualität der Ausbildung muss gesichert werden. Es braucht verbindliche Mindeststandards für Lehrbetriebe sowie mehr Unterstützung für Berufs- und Praxisbildner:innen sowie Kontrolle.

• Die Betriebe müssen stärker in die Pflicht genommen werden. Es braucht Massnahmen, damit genügend Lehrstellen angeboten werden, beispielsweise durch die Förderung von Lehrbetriebsverbünden und Berufsbildungsfonds.

• Aufwertung der Lehre: Berufsbildung muss sich lohnen: Deshalb fordert der SGB für Leute mit abgeschlossener Berufslehre keine Löhne unter 5'000 Franken.

Pressekontakt: 

Schweizerischer Gewerkschaftsbund
Monbijoustrasse 61, 3007 Bern
Tel. 031 371 01 01

info @ sgb.ch

Nicole Cornu, Zentralsekretärin SGB, Tel. 079 574 50 84
Urban Hodel, Co-Leiter Kommunikation SGB, Tel. 078 644 89 15